Arbeitsmarkt-Integration für Flüchtlinge: Was wir tun können.

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Es ist müßig darüber zu diskutieren, ob wir es gut finden, dass so viele Menschen in unser Land kommen, oder nicht. Ob sie uns bereichern oder nicht. Es ist müßig, denn sie sind da. Aus unserer Sicht kann die Frage nur lauten: was können, was MÜSSEN wir tun, um das Beste aus dieser Situation zu machen? Das Beste nicht nur im Sinne der Menschlichkeit, auch das Beste für unser Land. Daher beschäftigen wir uns in diesem Beitrag mit konkreten Hinweisen, wie etwas getan werden kann:
Welche Möglichkeiten haben Unternehmen, die Flüchtlinge einstellen wollen? Welche Erfahrungen gibt es?
Das Thema unserer letzten Leadership Lounge am 18.2. war „Refugees– schaffen wir das?“. Die folgenden Inhalte sind den spannenden Vorträgen der Lounge entnommen:

 

Wie das Arbeitsamt reagiert

„ARBEITSMARKTINTEGRATION VON GEFLÜCHTETEN UND GEDULDETEN MENSCHEN“

 Vortrag von Mario Lehwald, Vorsitzender der Geschäftsleitung der Agentur für Arbeit Süd
 
Mario Lehwald ist Chef der Bundesagentur für Arbeit in Berlin Süd und gleichzeitig Vorsitzender des „Team Asyl“ in Berlin.
Das Team Asyl stellt für Gesamt-Berlin Möglichkeiten zur Integration von Flüchtlingen auf.
Der Arbeit des Teams liegen folgende Daten zugrunde.

 

Wieviele Asylanträge wurden in Berlin gestellt?

  • 2015 sind nach Auskunft der Sozialverwaltung 79.034 Flüchtlinge in Berlin angekommen. 54.325 blieben in Berlin. (Stand: 07.01.2016)
  • Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge entschied 2015 über 2 von 5 in Berlin gestellten Asylanträgen positiv: Von 13.814 Fällen wurde 6.034 Menschen Schutzstatus gewährt. (Stand: 19.01.2016)

Was wissen wir über die 2015 geflüchteten Menschen?

  • 71 % waren unter 30 Jahre alt
  • 56,9 % unter 25 Jahre alt
  • 75 % Männer, 25 % Frauen
Die meisten Geflüchteten sind Syrer mit einer Gesamtschutzquote von 94 %. Die Gesamtschutzquote gibt Auskunft über die Wahrscheinlichkeit, ob Asyl gewährt wird oder nicht. Die zweit- größte Bevölkerungsgruppe stammt aus Albanien. Hier gibt es eine Schutzquote von 0,1 %, d.h., es ist sehr unwahrscheinlich, dass Albanier als Schutzsuchende aufgenommen werden. Hier finden Sie Details zur Anzahl der bearbeiteten Asylanträge, der Herkunftsländer (HKL) und der Schutzquoten.

 

HKL
Bearbeitete Asylanträge
Gesamtschutzquote
Syrien
101.937
94,7%
Irak
12.739
83,1%
Eritrea
10.027
88,3 %
Afghanistan
5.492
27,4 %
Pakistan
1,861
7,5%
Albanien
35.235
0,1 %
Mazedonien
5.671
0,0 %

 

Welche Personengruppen werden asyl-rechtlich unterschieden?

  • Asylsuchende sind Personen mit einem „Asylbegehren“ bzw. „Asylgesuch, die noch keinen Asylantrag gestellt haben.
  • Asylbewerber sind Menschen mit einem laufenden Asylanerkennungsverfahren; es wurde ein Antrag auf Asyl beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) gestellt, über den noch nicht entschieden wurde.
  • Anerkannte Flüchtlinge sind Personen, deren Antrag auf Asyl bewilligt wurde.
  • Geduldete sind Menschen, deren Antrag auf Asyl abgelehnt wurde, die jedoch aus unterschiedlichen Gründen noch nicht abgeschoben werden können.

 

Ist es schwierig Flüchtlinge einzustellen? Wie sind die arbeitsrechtlichen Gegebenheiten für Schutzsuchende?

Häufig wird darüber gesprochen, dass hohe bürokratische Hürden überwunden werden müssten, wenn ein Unternehmen einen Flüchtling einstellen möchte. Doch diese Aussage stimmt so nicht. Die Wahrheit ist differenzierter: Wollen Asylsuchende, Asylbewerber und Geduldete in den Arbeitsmarkt einsteigen, so gibt es tatsächlich einige Bedingungen zu beachten.
Doch erfreulicherweise fallen sämtliche dieser Hürden weg, sobald der Asyl-Antrag positiv beschieden worden ist. Ein anerkannter Flüchtling ist Deutschen in Bezug auf den Arbeitsmarkt gleichgestellt. Auch hat er gleiche Rechte auf Sozialleistungen. Jedes Unternehmen kann ihn einstellen; eine – für die anderen vorgeschriebene – Vorrangprüfung ist nicht notwendig. Diesen Status erreichen zum Beispiel die ankommenden Syrer nach relativ kurzer Zeit.
Schwierig gestaltet sich die Situation derer, deren Asylantrag abgelehnt wurde, die jedoch in Deutschland weiter geduldet werden, zum Beispiel weil eine Ausweisung momentan nicht möglich ist. Dabei handelt es sich um circa 50 % der Antragsteller. Der Zugang zum Arbeitsmarkt für Menschen die nicht als Flüchtlinge anerkannt sind ist stark reglementiert. Will man jemanden in dieser Situation einstellen, so führt die Agentur für Arbeit zuvor eine Vorrangprüfung durch. d.h., es wird geprüft, ob es auf dem deutschen Arbeitsmarkt Menschen gibt, die die gleiche Qualifizierung haben und genauso befähigt wären den Job zu machen.
Je nach Länge des Aufenthaltes in Deutschland erweitern sich die Möglichkeiten. Ab dem 49. Aufenthaltsmonat ist auch für Geduldete oder Asylbewerber ein uneingeschränkter Zugang zum Arbeitsmarkt möglich.

 

Wie unterstützt die Arbeitsagentur die Unternehmen?

Die Arbeitsagentur hat schnell reagiert und eine Fülle von Möglichkeiten geschaffen, um  Unternehmen dabei zu unterstützen, Flüchtlinge einzustellen.
Sie stellt Gelder, Qualifizierungen, Begleitung und einiges mehr zur Verfügung. Allein in Berlin ist ein Team von 20 Mitarbeitern zusammen gestellt worden, welches sich auf die Situation von Flüchtlingen spezialisiert hat und Unternehmen diesbezüglich zur Seite steht.
Letztlich lohnt es auf jeden Fall die Arbeitsagentur anzusprechen, wenn Sie einen Flüchtling einstellen möchten. Dort wird man Sie beraten, welche Möglichkeiten Sie haben ein Praktikum fördern zu lassen, welche Zuschüsse Sie bekommen, welche Möglichkeiten Sie haben Weiterbildungen fördern zu lassen oder welche Einstiegsqualifizierung Sie berufsbegleitend bekommen können.

 

Hier einige Beispiele von Fördermöglichkeiten durch die Agentur für Arbeit

Fördermöglichkeiten zur Anbahnung eines Arbeitsverhältnisses:
  • Lehrgang zum Einstieg in den Arbeitsmarkt „Perspektive für Flüchtlinge (PerF)“
  • Maßnahmen bei einem Arbeitgeber/Praktikum (MAG)
  • Förderung beruflicher Weiterbildung (FbW)
  • Eingliederungszuschuss (EGZ)
  • Weiterbildung geringqualifizierter Beschäftigter im Unternehmen (WeGebAU)
Fördermöglichkeiten zur Anbahnung eines Ausbildungsverhältnisses:
  • PerF und MAG (s.o.)
  • Einstiegsqualifizierung (EQ)
  • ausbildungsbegleitende Hilfen (abH)
  • AssistierteAusbildung(AsA)
  • betriebliche Einzelumschulung (bEU)
  • umschulungsbegleitende Hilfen (ubH)
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Initiativen für Ausbildung und Arbeit

Nach den rechtlichen Grundlagen und Möglichkeiten der Unterstützung durch die Agentur für Arbeit, stellen wir Ihnen nun Initiativen vor, die Unternehmen und Geflüchtete zusammenbringen und unterstützen.

 

Ausbildungs- und Arbeitsplatzbörse

Workeer ist eine Ausbildungs- und Arbeitsplatzbörse für Flüchtlinge.
Entstanden als Abschlussprojekt eines Kommunikationsdesignstudiums, hilft workeer Geflüchteten beim Einstieg in den Arbeitsmarkt. Dabei wird die besondere Situation dieser Arbeitssuchenden berücksichtigt und Hilfestellung bei Bewerbungen geleistet. Für Arbeitgeber eine Chance, das Potential dieser Menschen zu nutzen. Workeer unterstützt Arbeitgeber mit reichlich Informationen zu rechtlichen und bürokratischen Erfordernissen.

 

Ausbildungs- und Berufsinitiative

Auch Arrivo hat es sich zum Ziel gemacht, geflüchtete Menschen schnell und unbürokratisch in den Berliner Arbeitsmarkt zu integrieren. Arrivo ist eine Initiative der Berliner Senatsverwaltung für Arbeit, Integration und Frauen, der Handwerkskammer Berlin und des Berliner Netzwerk für Bleiberecht „bridge“. Es organisiert Praktika, so dass Arbeitgeber und potentielle Arbeitnehmer oder Auszubildende einen Eindruck voneinander gewinnen können – mit dem Ziel einer Festanstellung oder Ausbildung.

 

Netzwerke für ausgebildete Migranten

Mygrade richtet sich an qualifizierte Flüchtlinge. Durch Netzwerke, Kontakte und Empfehlungen hilft mygrade Flüchtlingen und Arbeitgebern zueinander zu finden. Arbeitssuchende werden durch Beratung zu beruflichen Perspektiven und Hilfe bei der Anerkennung ihrer Qualifikationen unterstützt .

 

>>> Lesen Sie hier:
Was Menschen wirklich wichtig ist – Die 8 grundlegenden Werte nach dem Graves Wertemodell

 

Ein Unternehmen engagiert sich

„FLÜCHTLINGE UND EMIGRANTEN IM EINSATZ – KONKRETE BEISPIELE AUS DER PRAXIS“

Vortrag von Pamela Barth, Personalreferentin bei RC Partner für Reintegration und Chancengleichheit
Bei unserer letzten Leadership Lounge berichtete Frau Barth aus ihrem Unternehmen, das konkrete Erfahrungen mit der Anstellung von Mensch ohne bisherige Arbeitsgenehmigung gesammelt hat.
Der RC Partner für Reintegration und Chancengleichheit  e.V. kümmert sich um Menschen, die angeborene oder erworbene (zum Beispiel durch Unfälle oder Schlaganfälle) Gehirnschäden haben. Das Unternehmen ist groß: An vielen Standorten deutschlandweit werden Menschen mit geistiger Behinderung in verschiedenen Stadien betreut.
Eine Herausforderung für das Unternehmen ist, dass in ihrer Branche der Bedarf an Fachkräften weit größer als das Angebot ist. Um geeignetes Personal zu finden suchte RC Partner für Reintegration und Chancengleichheit  e.V. unter Migranten, sowie länderübergreifend, nach Mitarbeitern, zum Beispiel mithilfe von Job-Börsen wie workeer oder gigajob. Auf diese Weise wurden auch potenzielle Mitarbeiter angesprochen, die noch gar nicht in Deutschland sind, z.B aus Bosnien. In Bosnien gibt es eine deutlich bessere Ausbildung speziell für diese Pflegeberufe. Diese Ausbildung umfasst sogar ein Studium; sie ist also sehr viel intensiver und umfassender als in Deutschland. Leider wird diese Ausbildung bei uns nicht anerkannt. Deswegen fällt es dem Unternehmen schwer, eine Akzeptanz von unserer Arbeitsagentur zu bekommen, um Bewerber aus Bosnien mit hervorragenden Qualifikationen einzustellen. Trotz aller Schwierigkeiten gelang es dem Unternehmen mit viel Geduld, qualifizierte Menschen ins Land zu holen und einzustellen. Sie machten mit diesen Mitarbeitern sehr gute Erfahrungen.

 

Im Vortrag wies Frau Barth jedoch auch auf kleine Hürden im Arbeitsalltag hin, die in der Zusammenarbeit mit Menschen aus anderen Kulturen entstehen können. Neben sprachlichen Problemen ist der Umgang miteinander in den verschiedenen Kulturen recht unterschiedlich geregelt. Beispiele sind hier, wie persönliche Beziehungen aufgebaut werden, auf welche Art Männer und Frauen miteinander umgehen, wie Macht gelebt und akzeptiert wird. Themen sind unter anderem weibliche Vorgesetzte und männliche Untergebene, Religion und Zeitgefühl.

 

In unserem nächsten Beitrag beschäftigen wir uns mit den Fragen: Wie schaffen es Flüchtlinge, rasch Bildung zu erwerben? Welche Initiativen helfen ihnen dabei?
Sie wollen noch mehr über die Fakten und Hintergründe der Flüchtlingswelle aus wirtschaftlicher Sicht erfahren? Lesen Sie unseren Artikel Refugees – Schaffen wir das? Die Flüchtlingswelle – Chance oder Risiko?.
 Wir freuen uns über Ihren Besuch auf unserer Seite:

 

Susanne Grätsch

Susanne Grätsch

Geschäftsführerin at berliner team
Mit über 20 Jahren Berufserfahrung ist es heute vor allem die Konzeption und Steuerung von Change-Prozessen, die mich täglich herausfordert. Sei es die Unterstützung bei der Überwindung von Wachstumsschwellen eines Unternehmens oder die Veränderung hin zu einer attraktiven, motivierenden Unternehmenskultur, die Voraussetzung ist für Arbeitgeberattraktivität und langfristig angelegtes Talent Management.
Susanne Grätsch

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